Die Geschichte des
INTERNATIONALEN DIXIELAND FESTIVALS Dresden
nach Texten von Klaus Wilk

Teil 1 – Die Jahre 1971 bis 1980
Sensationell: Dresden – „Hauptstadt des Dixieland“
Die vielfältige afro-amerikanische Musikgeschichte begann um 1870 mit dem Ragtime, der im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten von Amerika seinen Ursprung fand. Ein Jahrhundert später bereiteten Musikliebhaber, ein jazzhungriges Publikum und Musiker in Dresden den Weg für „Jazz im Abonnement“, einem Programm der damaligen Konzert- und Gastspieldirektion. Zudem fand ein ambitioniertes Festival des Deutschlandsenders im neu eröffneten Kulturpalast der Elbestadt statt. Vor allem dem Dixieland wurde eine Bühne geboten, auf der die Bands die Möglichkeit hatten, diesen Musikstil ausgiebig zu feiern.
Vom Mississippi an die Elbe
Die Straßenmusik der schwarzen Blueser, der Spiritual- und Gospel-Sängerinnen, der Brass-Bands und der improvisierenden Solisten trugen maßgeblich zur Entstehung des Jazz bei und prägten ihn besonders in den Städten des Südens der USA, insbesondere in New Orleans am Mississippi. Tausende Meilen entfernt, an der Elbe, spielten an jenem Pfingstsonntag im Jahr 1971 im nagelneuen, stilvollen und akustisch perfekten Kulturpalast die Pioniere des INTERNATIONALEN DIXIELAND FESTIVALS Dresden. Es waren sechs Bands aus vier osteuropäischen Ländern, die Blues, Ragtimes und archaische sowie swingende Standards aus den Anfängen des Dixieland-Jazz präsentierten.
Zur Premiere dieses internationalen Treffens der Oldtime-Musik fanden unerwartet nur 900 Jazz-Fans und Neugierige den Weg zu dem mehrstündigen Konzert. Doch schon im zweiten Jahr erlebte das Publikum eine bunte Mischung aus traditionellem und modern arrangiertem Dixieland. An drei Tagen eröffneten die gastgebenden Elb Meadow Ramblers gemeinsam mit sieben weiteren Gruppen, darunter die Harbour Jazz Band aus den Niederlanden, die Benkö-Dixieländer aus Ungarn und die Berliner All Stars, das Festival. Jazzer der verschiedenen Bands vereinten sich zur ersten abschließenden Jam-Session, die mit viel Applaus bedacht wurde und künftig das Festival beenden sollte.
Als das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL in Dresden ins Leben gerufen wurde, konnte niemand voraussehen, welche Entwicklung es nehmen würde. Rückblickend wird sichtbar, wie viele Mühen und wie viel Leidenschaft nötig waren, um dieses Festival zu etablieren. Vor allem die Dresdner selbst spielten dabei eine entscheidende Rolle: Sie identifizieren sich mit ihrem Festival, leben es und sind ihm seit über 50 Jahren treu geblieben.
Nachdem die älteste Dixieland-Formation des Landes den Auftakt für das zweite Festival gestaltet hatte, gab die Dixieland-Band der Dresdner Tanzsinfoniker als dienstälteste Bigband des Ostens beim dritten Oldtime-Treffen mit „Creole Love Call“ von Duke Ellington die ersten Töne vor. Schon damals war die Nachfrage nach Eintrittskarten beträchtlich gestiegen.
Erstmals Tausende bei Konzerten und Jam-Session
1974 traten beim IDF ein Dutzend Jazz-Formationen aus zwölf Ländern auf. Drei ausverkaufte Konzertabende, Jam-Sessions bis nach Mitternacht und erstmals „Dixieland im Freien“ auf der Prager Straße – später eine lange Jazzmeile zwischen Kulturpalast und Hauptbahnhof – lockten rund 12.500 Besucher an. Auftritte in Betrieben wie den Dresdner Brauereien machten deutlich, dass das Festival längst in der ganzen Stadt angekommen war.
Zugleich sprach es sich in der internationalen Oldtime-Szene immer stärker herum, dass man in Dresden unbedingt einmal gespielt haben musste. Immer mehr Bands bewarben sich, Wartelisten entstanden, und das Festival gewann deutlich an Profil. Zu den prägenden Persönlichkeiten dieser Jahre gehörten unter anderem Joachim Schlese, Erich Knebel und Karlheinz Drechsel, der über Jahrzehnte hinweg zur Stimme des Festivals wurde.
Ost- und westdeutsche Musiker getrennt im Hotel und auf der Bühne
1975 trat mit der Old Merry Tale Band aus Hamburg erstmals eine Band aus der Bundesrepublik Deutschland in der DDR auf – das Publikum reagierte mit frenetischem Beifall. Hinter den Kulissen galten jedoch strenge Vorgaben: Ost- und westdeutsche Musiker wurden in getrennten Hotels untergebracht, gemeinsame Bühnenauftritte waren unerwünscht, und selbst die Reihenfolge im Konzertprogramm wurde politisch kontrolliert.
Absurde Vorgaben in der Realität wirkungslos
Doch die Realität der Musik ließ sich kaum in starre Regeln pressen. Die internationale Gemeinschaft der Dixieland-Musiker lebte von spontanen Sessions, Begegnungen und gegenseitigem Respekt. Selbst die Gagenpraxis – Bezahlung in Mark der DDR und zusätzliche Sachwerte aus DDR-Produktion – änderte nichts daran, dass Dresden für viele Bands ein Wunschziel blieb.
Vier Tage und vier Nächte lang erlebte das musikbegeisterte und sachkundige Publikum in Dresden das 6. Dixieland-Festival und auch die folgenden Festivals mit erstklassigen Darbietungen. Diese wurden durch weitere musikalische Stilrichtungen, neue Veranstaltungen und Spielstätten bereichert. Die fröhlich-swingenden Treffen waren ein voller Erfolg. Plakat- und Schallplattenverkaufsstände waren dicht umlagert, Fotoausstellungen zogen viele Interessierte an, und Sessions in den Studentenkneipen begeisterten die Dixieland-Enthusiasten.
Dresden wird zur „Hauptstadt des Dixieland“
Mit neuen Formaten, weiteren Spielstätten und wachsenden Besucherzahlen gewann das Festival in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre weiter an Strahlkraft. Der Jazz-Band-Ball setzte neue Akzente, internationale Solisten und Sängerinnen begeisterten das Publikum, und auch das Festival-Maskottchen, ein Nilpferd, trat erstmals in Erscheinung.
Besonders prägend wurde die Einschätzung des Trompeters und Bandleaders John Evers. Für ihn war nicht allein die Qualität der Bands entscheidend, sondern vor allem das Dresdner Publikum. Er erklärte Dresden zur „Hauptstadt des Dixieland“ – eine Bezeichnung, die sich bis heute tief mit dem Festival verbunden hat. Auch die erste Dixieland-Parade im Großen Garten machte sichtbar, wie weit das Festival inzwischen in die Stadt hineinwirkte.
Im Folgejahr traten der Leningrader Dixieland und die Umbrella Jazzmen aus West-Berlin erstmals auf und wurden mit viel Beifall bedacht. Großes Jubeln gab es auch für das Quartett des französischen Klarinettisten René Franc, dessen kurzfristige Zusage den Auftritt ermöglichte. Francs Stil auf Klarinette und Sopransaxophon erinnerte stark an Sidney Bechet, bei dem er einst Schüler war.
Jubiläums-Festival: Auftritt der Harlem-Veteranen
1980 wurde das zehnte Festival zu einem Höhepunkt des ersten Jahrzehnts. 20 Bands aus zwölf Ländern nahmen teil, darunter erstmals eine Formation aus dem Ursprungsland des Jazz, den USA. Mit spontanen Improvisationen, originell verjazzten Klassikern und großem internationalen Flair wurde dieses Jubiläum zu einem besonderen Glanzpunkt der Festivalgeschichte.
Zu den umjubelten Gästen gehörten die Harlem Blues and Jazz Band aus New York, Beryl Bryden aus England und Bob Wallis. Sieben Jazzer aus den USA standen auf der Bühne, mehrere von ihnen hatten bereits mit Größen wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Billie Holiday musiziert. Trompeter Robert William komponierte eigens für das Festival in Dresden den Titel „Dresden-Jump“ als musikalisches Dankeschön.
Zu den 240 Stunden Dixielandmusik gehörte auch eine Premiere für die jüngsten Besucher: Mit „Triangel und Klapperholz“ entstand ein Angebot für Vorschulkinder, das bis heute als etwas Besonderes gilt. Die Bilanz des ersten Jahrzehnts fiel entsprechend eindrucksvoll aus: Das Festival hatte sich international etabliert und weit über Dresden hinaus einen Namen gemacht.
Der Wunsch Zehntausender: Auch künftig solche Feste erleben
Am letzten Tag des Jubiläumsfestivals erklangen auf den Johannstädter Elbwiesen Dixieland-Standards wie „When The Saints Go Marching In“, „Ice Cream“ und „Glory Hallelujah“ schon von weitem. Eine große Bühne bot den Musikern von 15 Bands die Gelegenheit, sich bei einer mehrstündigen Abschluss-Session vom Publikum zu verabschieden. Eine Feier mit geschätzten 30.000 Dixieland-Freunden in dieser Größenordnung blieb einmalig.
Begeisternd, einmalig, strapaziös – so lauteten viele der Reaktionen auf ein Festival, das erstmals rund 100.000 Interessenten, Fans und Sympathisanten anzog. Damit stand am Ende dieses ersten Jahrzehnts der eindrucksvolle Beweis, dass das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL Dresden längst zu einer kulturellen Größe geworden war. Der Wunsch nach weiteren solchen Festen sollte in Erfüllung gehen.
