Die Geschichte des
INTERNATIONALEN DIXIELAND FESTIVALS Dresden
nach Texten von Klaus Wilk

Teil 2 – Die Jahre 1981 bis 1990
Ruhr-Pott-Posaunist: „New Orleans hat Konkurrenz bekommen“
Mit dem Beginn der 1980er Jahre trat das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL Dresden in eine neue Phase ein. Das Jubiläumsfestival 1981 knüpfte an die großen Erfolge des ersten Jahrzehnts an und führte die Dresdner Jazzfreunde zugleich noch tiefer an die Wurzeln des Traditional Jazz heran. Gäste wie die Harlem Blues and Jazz Band brachten authentische Klänge aus der Geschichte des Jazz nach Dresden und machten deutlich, wie eng die Festivalgeschichte der Elbestadt mit der internationalen Entwicklung dieser Musik verbunden war.
Von New Orleans über Chicago bis New York hatte der traditionelle Jazz seinen Weg genommen – und an der Elbe fand er nun ein Publikum, das diese Musik mit außergewöhnlicher Begeisterung aufnahm. Gerade diese Mischung aus Fachkenntnis, Offenheit und Leidenschaft verlieh dem Festival in seinem zweiten Jahrzehnt ein unverwechselbares Profil.
Fulminante Rhythmen auch zum „Tag der Betriebe“
Im rhythmischen Zusammenspiel von Ragtime, Stomps und Blues führten die Bands und Solisten das Publikum in ein neues Festivaljahrzehnt. Formationen aus England, Österreich und der Schweiz machten schon zum Auftakt deutlich, dass sich das Festival musikalisch auf hohem Niveau bewegte. Selbst der „Tag der Betriebe“ wurde zu einer mitreißenden Bühne für Oldtime Jazz und zeigte, wie tief das Festival in Dresden und seiner Arbeitswelt verankert war.
Ob im Getränkekombinat, bei Robotron oder im Edelstahlwerk Freital – überall traf der Dixieland auf offene Ohren. Musik und Alltag gingen in diesen Tagen eine besondere Verbindung ein. Genau das war ein wesentlicher Teil jener Atmosphäre, die das Festival über die Jahre so einmalig machte.
Kommunikations-Zentrum TONNE im Palais-Keller eröffnet
Mit der Eröffnung der TONNE im Kellergewölbe des Kurländer Palais erhielt das Festival einen Ort, der weit über die Festivaltage hinaus Wirkung entfaltete. Was in mühevoller Eigenarbeit geschaffen worden war, entwickelte sich zu einem Zentrum der Dresdner Jazzszene. Während des Festivals wurde die TONNE zum Treffpunkt von Musikern, Fans und Nachtschwärmern – eng, lebendig, direkt und voller Energie.
Hier entstand auch der legendäre Treppenjazz. Wenn sich die Bands nach den Konzerten in der bereits überfüllten TONNE trafen und von den Stufen aus für die Besucher spielten, entstand eine Atmosphäre, wie sie nur dieser Ort hervorbringen konnte. Die TONNE wurde damit zu einem Stück gelebter Festivalgeschichte und weit über Dresden hinaus bekannt.
Jazz à la Sidney Bechet – Legende von der Seine an der Elbe
Auch die 1980er Jahre brachten wieder besondere musikalische Handschriften nach Dresden. Das Publikum erlebte Jazzmusiker, die im Geist Sidney Bechets spielten, originelle Instrumentierungen und Formationen, die den Begriff Dixieland mit überraschenden Farben erweiterten. Gerade diese Mischung aus stilistischer Treue und spielerischer Freiheit machte den Reiz vieler Festivalabende aus.
Zu den bleibenden Eindrücken gehörten nicht nur große Solisten, sondern auch ungewöhnliche Klangexperimente und eindrucksvolle Abschlusskonzerte. So zeigte sich, dass das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL Dresden nicht allein Tradition pflegte, sondern immer wieder Raum für Überraschung und musikalische Eigenwilligkeit bot.
Festival-Tickets immer schwieriger zu haben
Mit der wachsenden Popularität des Festivals wurden Eintrittskarten in den 1980er Jahren immer begehrter. Aus stundenlangem Warten wurden ganze Tage und Nächte voller Vorfreude, improvisierter Lager und spontaner Musik. Selbst ungewöhnliche Vorverkaufsorte wie das Dynamo-Stadion oder die Eissporthalle im Ostragehege wurden zu Schauplätzen eines besonderen sozialen und kulturellen Rituals.
Wer dort auf Karten wartete, erlebte nicht nur den Vorverkauf, sondern bereits den Auftakt zum Festival. Dresdner Jazzbands verkürzten die Wartezeit mit Auftritten, und aus der Schlange wurde eine eigene kleine Bühne des Festivals. Dieses bunte Treiben gehörte bald fest zum Dresdner Dixieland-Frühling.
Trotz Kühle und Polaris-Band: „Ice Cream“ alsbald Festivalhymne
Selbst Jahre mit Kälte, Regen und Wind konnten der Begeisterung des Publikums nichts anhaben. Während draußen unfreundliches Wetter herrschte, sorgten drinnen internationale Formationen für heiße Klänge und ausgelassene Stimmung. Standards wie „Ice Cream“ wurden so eng mit dem Festival verbunden, dass sie beinahe den Rang einer eigenen Hymne erhielten.
Gleichzeitig zeigte sich, wie sehr das Festival musikalische Vielfalt schätzte. Bands aus unterschiedlichen Ländern, neue Dresdner Projekte und publikumswirksame Programme sorgten dafür, dass sich immer neue Facetten des traditionellen Jazz entfalten konnten. So blieb das Festival seinem Kern treu und dennoch ständig in Bewegung.
Viel Lob für Dixieland-Maitage
Die Maitage und Mainächte des Dixieland in Dresden wurden in den 1980er Jahren von Musikern aus vielen Ländern gefeiert. Immer wieder war zu hören, wie außergewöhnlich die Atmosphäre in Dresden sei, wie mitreißend das Publikum reagiere und wie eng hier Stadt, Festival und Musik zusammengehörten. Solche Stimmen aus Schweden, Norwegen, Moskau oder dem Ruhrgebiet stärkten den Ruf des Festivals als internationales Ereignis mit besonderem Charakter.
Gerade diese Anerkennung von außen bestätigte, dass Dresden seinen Platz auf der Landkarte des traditionellen Jazz längst gefunden hatte. Das Festival war nicht mehr nur ein bedeutender Termin im Kalender, sondern ein Erlebnis, mit dem sich Musiker wie Publikum dauerhaft verbanden.
Das 20. Festival – und nicht ausverkaufte Konzerte …
Fast zwei Jahrzehnte lang hatte sich das große Musikfest für das „Dixieland-Volk“ größter Beliebtheit erfreut. Doch um 1990 veränderte sich die Lage spürbar. Erstmals seit den Anfangsjahren waren Konzerte nicht überall ausverkauft, manche Veranstaltungen mussten sogar abgesagt werden. Die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche jener Zeit blieben auch für das Festival nicht ohne Folgen.
Dennoch kamen zum 20. Jubiläum zahlreiche Bands und Solisten aus vielen Ländern nach Dresden. Große Abschlussmomente, stehende Ovationen und der vielstimmige Gesang von „Glory, Glory, Hallelujah“ bewiesen, dass die Kraft dieses Festivals ungebrochen war. Trotz neuer Unsicherheiten blieb das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL Dresden ein Ort der Begegnung, der Lebensfreude und des internationalen Austauschs.
Hammer-Zirkel-Ährenkranz-Stempel – Garant für künftige Dixie-Festivals?
Am Ende des Jahrzehnts stand die Frage im Raum, wie die Geschichte des Festivals unter völlig neuen Bedingungen weitergeschrieben werden könnte. Staatliche Sicherheiten waren weggefallen, viele organisatorische und finanzielle Fragen mussten neu beantwortet werden. Doch die Festivalmacher reagierten mit Entschlossenheit, Ideen und dem klaren Willen, das Erreichte nicht preiszugeben.
Gerade in diesem Spannungsfeld zeigte sich die Stärke des Festivals. Das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL Dresden war längst mehr als eine Veranstaltungsreihe. Es war ein kultureller Fixpunkt geworden, getragen von Musik, Publikum und der festen Überzeugung, dass diese Geschichte weitergehen musste.
