Die Geschichte des
INTERNATIONALEN DIXIELAND FESTIVALS Dresden
nach Texten von Klaus Wilk

Teil 5 – Die Jahre 2011 bis 2019/2022
Das Festival im fünften Jahrzehnt
Mit dem Jahr 2011 begann für das INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL Dresden das fünfte Jahrzehnt seiner Geschichte. Längst hatte sich das Festival als eines der bedeutendsten und ältesten Ereignisse des Traditional Jazz etabliert. Seit einem halben Jahrhundert zog es Musikerinnen, Musiker und Fans aus aller Welt nach Dresden und verwandelte die Stadt in einen Ort, an dem Jazz nicht nur gespielt, sondern gelebt wurde.
In diesen fünf Jahrzehnten kamen rund 1.000 Bands aus 46 Ländern und von sechs Kontinenten an die Elbe. Damit war das Festival nicht nur ein Dresdner Markenzeichen, sondern auch ein internationales Schaufenster für Oldtime-Jazz, Swing, Blues und Gospel. Die besondere Atmosphäre dieser Maitage machte das Festival weit über Deutschland hinaus bekannt.
Dresden feiert das größte und älteste Festival für Traditional Jazz
Mit dem Start ins neue Jahrzehnt wurde der Rang des Festivals noch deutlicher sichtbar. Dresden galt inzwischen weltweit als eine der wichtigsten Adressen für Traditional Jazz. Die Mischung aus großen Konzerten, Jam Sessions, Open-Air-Veranstaltungen, Straßenmusik und besonderen Spielstätten verlieh dem Festival seinen unverwechselbaren Charakter.
2011 setzte die „Erste große Big Band Party“ ein Ausrufezeichen. Musik von Benny Goodman, Duke Ellington, Count Basie und Glenn Miller sorgte für Begeisterung, und schon früh wurde sichtbar, dass das Festival auch im neuen Jahrzehnt seine Tradition nicht nur bewahren, sondern mit neuen Impulsen weiterentwickeln wollte.
Premieren vom Roten Meer bis zum Hauptbahnhof
Zu den bemerkenswerten Gästen zählte die Isra Dixie Band, die für ihre Deutschland- und Dresden-Premiere vom Roten Meer an die Elbe reiste. Mit ihrer Verbindung von Dixieland und jüdischen Volksweisen setzte sie einen besonderen Akzent im Programm. Auch andere Premieren zeigten, wie offen das Festival für neue Farben innerhalb des Traditional Jazz geblieben war.
2011 kam zudem der Dresdner Hauptbahnhof als neue Spielstätte hinzu. Damit gewann das Festival einen Ort, an dem Reisende, Stammgäste und spontane Besucher gleichermaßen mit Musik empfangen wurden. Gerade diese Verbindung aus urbanem Alltag und Festivalstimmung gehörte zu den besonderen Stärken des Dresdner Dixielands.
Big Band Show, Uschi Brüning und neue Höhepunkte
Weitere Glanzpunkte setzte die zweite Dresdner Big Band Show mit Ensembles wie dem New Town Swing Orchestra, der Dresden Big Band und Andrey Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra. Dessen authentische Arrangements im Stil der 1930er Jahre begeisterten das Publikum ebenso wie die Auftritte von Uschi Brüning und den Jazz-Optimisten Berlin.
So zeigte das Festival früh im Jahrzehnt, dass es seine musikalische Bandbreite klug erweitern konnte, ohne seinen Kern zu verlieren. Das Publikum honorierte diese Mischung aus vertrauten Namen, neuen Gästen und stilistischer Vielfalt mit großer Begeisterung.
Lisa Bentzen als 10.000. Mitwirkende geehrt
Ein besonderer Moment war die Ehrung der dänischen Sängerin Lisa Bentzen als 10.000. Mitwirkende des Festivals. Diese Zahl machte eindrucksvoll sichtbar, welche Dimension die Geschichte des INTERNATIONALEN DIXIELAND FESTIVALS Dresden inzwischen erreicht hatte. Gleichzeitig wurden auch andere Jubiläen gefeiert – von langjährigen Moderatoren bis zu traditionsreichen Dresdner Bands und dem Kinderprogramm „Dixieland ABC“.
Solche Jubiläen verdeutlichten, dass das Festival nicht nur von einzelnen Konzerten lebt, sondern von gewachsenen Beziehungen, vertrauten Gesichtern und einer über Jahrzehnte gepflegten Kultur des Wiederkommens. Genau darin liegt ein Teil seiner emotionalen Kraft.
Junge Bands und neue Energie
Mit Bands wie The Dixie Ticklers aus England kamen auch jüngere Formationen nach Dresden, die dem frühen Jazz eine zeitgemäße und eigenständige Note verliehen. Ihr Auftritt zeigte, dass Dixieland keineswegs nur Rückblick ist, sondern immer wieder neue Generationen von Musikern inspiriert. Auch die Jam Session-Bands aus Sachsen und Brandenburg standen für diese lebendige Nachwuchskultur.
Damit setzte sich eine Entwicklung fort, die bereits in den Jahren zuvor begonnen hatte: Die Tradition blieb lebendig, weil sie sich öffnete. Das Festival verstand es, Erfahrung und Jugend, Klassiker und frische Handschriften miteinander in Beziehung zu setzen.
Abschied von Karlheinz Drechsel
Zu den emotionalsten Momenten des Jahrzehnts gehörte der Abschied von Karlheinz Drechsel als Moderator. Nach 46 Jahren führte er zum letzten Mal durch „seine“ Konzerte und hinterließ eine Lücke, die nur jemand füllen konnte, der mit dem Festival ähnlich eng verbunden war. Mit Ulf Drechsel setzte sich diese besondere Moderationstradition in der Familie fort.
Dieser Abschied machte deutlich, wie stark das Festival auch von Persönlichkeiten geprägt wurde, die über viele Jahre hinweg Gesicht, Stimme und Haltung dieses Ereignisses mitbestimmt haben. Gerade in solchen Übergängen wird Festivalgeschichte besonders greifbar.
„Dresden swingt“ und die Rückkehr in den Kulturpalast
Nach der Schließung des Kulturpalasts im Jahr 2012 und seinem umstrittenen Umbau wurde seine Wiedereröffnung für das Festival zu einem wichtigen Signal. Mit dem Sonderkonzert „Dresden swingt“ kehrte die Dixieland-Karawane an diesen historischen Ort zurück. Das Publikum erlebte, wie sich Tradition und neuer Konzertsaal miteinander verbinden konnten.
Mitwirkende wie Pascal von Wroblewsky, die Blue Wonder Jazzband, die Elb Meadow Ramblers, die Umbrella Jazzmen, die Dresden Big Band und der Wilandeschor machten diesen Abend zu einem musikalischen Ausrufezeichen. Damit wurde deutlich, dass die Geschichte des Festivals auch an vertrauten Orten weitergeschrieben werden kann – selbst wenn diese sich verändert haben.
Auf dem Weg zum großen Jubiläum
In den Jahren vor dem 50. Festival blieb die Musikredaktion ihrem Anspruch treu, nur herausragende Bands nach Dresden einzuladen. Musiker wie Charly Antolini oder Steve „Big Man“ Clayton standen exemplarisch für dieses Niveau. Gleichzeitig dehnte sich die beliebte Jazz-Meile weiter aus und verband den Hauptbahnhof erstmals mit dem Dresdner Schloss.
Mit Sonderkonzerten wie „Die Legende vom Dixieland in Dresden“ wurde die Vorfreude auf das große Jubiläum zusätzlich gestärkt. Alte Bekannte, neue Premieren und ein starkes historisches Bewusstsein verdichteten sich zu einer Atmosphäre, die das 50. Festival zu einem besonderen Zielpunkt der gesamten Reihe machte.
Das 50. Jubiläum – geplant für 2020
Eigentlich sollte das 50. INTERNATIONALE DIXIELAND FESTIVAL bereits im Mai 2020 stattfinden. Das Programm war vorbereitet, die Erwartungen waren hoch, und vieles deutete auf ein außergewöhnliches Jubiläum hin. Prominente Jazzmusiker, Publikumslieblinge und traditionsreiche Bands aus mehreren Ländern sollten die Tage und Nächte des 50. Jahrgangs prägen.
Doch dann kam die Corona-Pandemie. Das Festival musste abgesagt und später erneut verschoben werden. Damit wurde aus dem geplanten Jubiläumsjahr ein schmerzlicher Einschnitt, wie ihn die Festivalgeschichte bis dahin nicht gekannt hatte.
Corona, kreative Zwischenformate und Durchhaltewillen
Statt des großen Jubiläums entwickelten die Veranstalter kleinere Formate, um dem Publikum dennoch ein Stück Dixieland zu ermöglichen. Das DIXIELAND Familien-Barbecue im Ostragehege, Sonderfahrten auf der Elbe und Open-Air-Jazz beim Herbstfest auf dem Altmarkt hielten den Kontakt zwischen Festival und Publikum aufrecht.
Diese Zwischenformate konnten das ausgefallene Großereignis nicht ersetzen, zeigten aber eindrucksvoll, wie beweglich und ideenreich das Festival auch in schwierigen Zeiten blieb. Gerade in dieser Phase bewies sich die enge Bindung zwischen Veranstaltern, Musikern und Publikum.
Doch nun: Der Mai 2022
Nach zwei Jahren pandemiebedingter Unterbrechung konnte das 50. Internationale Dixieland Festival schließlich im Mai 2022 stattfinden. Für viele Dresdner und Gäste fühlte sich dieses Festival wie eine Befreiung an. Dass rund 95 Prozent der bereits 2020 gekauften Karten ihre Gültigkeit behielten und tatsächlich genutzt wurden, war ein eindrucksvoller Vertrauensbeweis des Publikums.
Mehr als 400.000 Besucher machten das nachgeholte Jubiläumsfestival zu einem der schönsten in der Geschichte des Festivals. In Sälen, Kneipen und auf den öffentlichen Plätzen der Stadt wurde deutlich, wie stark dieses Ereignis in Dresden verankert ist. So endete Teil 5 nicht mit einem Bruch, sondern mit einem großen, emotionalen Aufatmen – und mit dem Beweis, dass die Karawane des Dixieland weiterzieht.
